Mit einem selbstgestaltetes XXL-Fastentuch suchen Jugendliche in Burlo nach himmlischen Verbindungen. Ein junger Mann allein auf seinem Weg in die Fremde. Vertrauensbruch begangen, die Familie betrogen, soziale Isolation, Mittellosigkeit, schließlich Flucht –, in seiner Tasche lediglich ein Zettel mit der Adresse eines Onkels im Irgendwo: Was wie ein Drehbuch für ein Roadmovie anmutet, ist die biblische Geschichte von Jakob und zugleich Ausgangspunkt für die diesjährige „Fastentuch XXL“-Aktion der OMI-Jugendbewegung am Kloster Mariengarden.Erschöpft sinkt der junge Flüchtling des Nachts in einen Traum: Himmel und Erde sind mit einer Leiter verbunden, Engel gehen darauf hinauf und herab und: Gott segnet Jakob und spricht mit ihm trotz dessen Gemeinheiten und Niederträchtigkeit. In eindrücklichen Bildern schildert das Alte Testament die Erfahrung von Gottes Gegenwart mitten in einer tiefen Lebenskrise; für Pater Felix Rehbock nicht nur eine schöne Geschichte, sondern Anlass und Einladung zur Auseinandersetzung. Das Ergebnis dieser Auseinandersetzung ist nun in der Klosterkirche St. Marien in Burlo zu sehen. Insgesamt rund 200 Jugendliche im Alter von 10-19 Jahren waren in den letzten sechs Wochen an der Entstehung des diesjährigen 6,5 x 8 m großen „XXL-Fastentuches“ beteiligt. Die „OMI-Kids“ und „OMI-Jugendlichen“ haben in ihren regelmäßigen Gruppenstunden ihrem Verständnis der biblischen „Himmelsleiter“ im Hier und Jetzt einen Ausdruck verliehen: Mit Engeln aus Pappe, geknüpften Leitern, genagelten Holzkreuzen, Styroporobjekten oder Fotocollagen bieten die jungen Künstler Deutungen an, fordern zur vertieften Betrachtung auf und werden so selbst „kleine Missionare“.
Gott ist selbst heruntergeklettert!
„Jugendliche wachsen in einem gesellschaftlichen Klima auf, wo es normal ist, dass es Gewinner und Verlierer gibt. In Zeiten allgegenwärtiger Diskussionen über soziales Gefälle und Leistung, die sich lohnen muss, haben Jugendliche – so die aktuelle Shellstudie – massiv Angst vor persönlichem Versagen, vor Arbeitslosigkeit und ‚Hartz IV‘. Das bildungspolitische Mantra von der ‚Chancengleichheit‘ entspricht nicht der Realität, vielmehr entscheidet doch oft die Herkunft über die Bildungschancen“, fasst Pater Felix zusammen, wo er Jakob als Identifikationsfigur für Jugendliche heute erkennt. „Sogar einem solchen sozialen Außenseiter, der es nach unserem Empfinden auch gar nicht verdient hat, wendet Gott sich liebend zu, verspricht ihm Segen und Beistand, klettert quasi selbst zu ihm herunter!“. Bei den Jugendlichen aus Burlo hat die uralte Erzählung von der bedingungslosen Gottesgegenwart offenbar einen Nerv getroffen: In einer Fülle von Symbolen finden sich ihre Diskussionen, Gedanken und Wünsche nun großflächig visualisiert.
„Da berühren sich Himmel und Erde“
Wenn auf der überdimensionalen regenbogen-gestreiften Leinwand, die nun 40 Tage den Chorraum der Klosterkirche dominiert, Engel befreit von Kitsch und Klischee als Boten auf der Himmelsleiter unterwegs sind, wenn viele Kreuze das in Jesus Christus realisierte Herabsteigen Gottes zu den Menschen darstellt und Bilder von Heiligen und Seligen eine Brücke zwischen Himmel und Erde bilden, dann ist „Himmel“ nicht länger eine vom Leben getrennte abstrakte Vision, sondern erreichbare Realität.
„Wir singen oft das Lied: ‚Da berühren sich Himmel und Erde‘. Darin werden viele Möglichkeiten genannt, wodurch ein Stück Himmel sichtbar werden kann und dass Gott dann wirklich heute schon hier ist. Das passt gut zu der Geschichte. Für dieses Lied haben wir zum Beispiel auch eine Ton-leiter, ebenso Bilder von Vorbildern mit diesem Lied eingebaut“, erklärt Gerda J. einen weiteren Teil des Bildes.
Am Aschermittwoch wurde das XXL-Tuch aufgehängt und umrahmt fortan den Tabernakel als Sinnbild der Gegenwart Gottes. Die nun begonnene Fastenzeit fordert im kirchlichen Verständnis zu bewussterem Überdenken des eigenen Lebensstils auf. Unter ‚Fasten‘ wollen Pater Felix und die OMI-Jugendlichen daher mehr als Verzicht und Einschränkung verstanden wissen. Zum Innehalten und zur kritischen Selbstreflexion bietet das Fastentuch die 40 Tage bis Ostern Gelegenheit. Sinnbildlich dafür stehen zwei lebensgroße Figuren betrachtend vor dem Tuch.
Am zweiten Fastensonntag werden die Elemente des Tuches den Gottesdienstbesuchern genauer erklärt, bis zur Osternachtsfeier am Karsamstag bleibt es hängen.
„Jakob erfuhr in der Ruhe und Einöde der Wüste den Zuspruch Gottes, hatte eine Vision“, fasst Pater Felix zusammen, „und das ist genau das, worum es beim stillen Betrachten des Tuchs auch geht: Wir brauchen Visionen!“ |